M. brachialis

M. brachialis

Synonyme: M. brachialis internus
UrsprungDistale Hälfte der Facies anterior humeri
AnsatzTuberositas ulnae|Processus coronoideus ulnae
FunktionArt. cubiti: Flexion
InnervationN. musculocutaneus (C5-C7)|N. radialis (C5-C6)
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Klinische Einordnung

Der M. brachialis ist der eigentliche Kraftmotor der Ellenbogenflexion, unabhängig von Bizeps und Unterarmstellung. Nach Ellenbogentraumata neigt er zu Vernarbung und Myositis ossificans, was häufig übersehene Flexionskontrakturen verursacht.

Steckbrief & Namensherkunft

Der M. brachialis ist ein kräftiger, spindelförmiger Muskel der ventralen Oberarmloge, der zum größten Teil unter dem M. biceps brachii liegt. Anders als der zweigelenkige Bizeps überspannt er ausschließlich das Ellenbogengelenk und zählt damit zu den eingelenkigen Muskeln. Der Name leitet sich vom lateinischen brachium (Oberarm) ab – wörtlich also „zum Oberarm gehörig“. Eine ältere, heute kaum noch gebräuchliche Bezeichnung lautet M. brachialis internus. Sein Muskelbauch lässt den Bizeps optisch kräftiger erscheinen, als dieser tatsächlich ist.

Lage & Verlauf

Der M. brachialis entspringt an der distalen Hälfte der Facies anterior humeri sowie an den angrenzenden Septa intermuscularia mediale und laterale, die die Flexoren- von der Extensorenloge des Oberarms trennen. Proximal liegt er vollständig unter dem M. biceps brachii verborgen, distal treten seine lateralen und medialen Ränder beidseits des Bizeps hervor und werden oberflächlich sicht- und tastbar. Der Muskel bildet einen Teil des Bodens der Fossa cubitalis. Medial verlaufen in der Rinne zwischen Bizeps und Brachialis die A. brachialis und der N. medianus, lateral zieht der N. radialis in der Rinne zwischen Brachialis und M. brachioradialis Richtung Ellenbeuge. Distal setzt der Muskel über eine breite, kurze Sehne an der Tuberositas ulnae und am Processus coronoideus ulnae an. Tiefe Fasern strahlen direkt in die vordere Gelenkkapsel des Ellenbogens ein und ziehen diese bei Flexion mit nach proximal, wodurch ein Einklemmen der Kapsel vermieden wird.

Funktion

Hauptfunktion des M. brachialis ist die Flexion im Ellenbogengelenk. Da er ausschließlich an der Ulna ansetzt und keinen Hebelarm am Radius besitzt, ist seine Beugekraft vollständig unabhängig von der Unterarmstellung – im Gegensatz zum M. biceps brachii, der in Supination deutlich stärker beugt. Durch seinen Ursprung nahe der Bewegungsachse und seine im Vergleich zum Bizeps größere physiologische Querschnittsfläche entwickelt der Brachialis das größte Kraftpotenzial aller Ellenbogenbeuger und wird bei nahezu jeder Flexionsbewegung aktiv, unabhängig davon, ob der Unterarm proniert, supiniert oder in Mittelstellung ist. Da er als eingelenkiger Muskel nur über das Ellenbogengelenk zieht, überträgt er seine Kraft effizienter als der biartikuläre Bizeps, dessen Wirkung zusätzlich von der Schulterstellung abhängt. Die Verbindung tiefer Fasern zur Gelenkkapsel spannt diese während der Flexion mit und schützt sie so vor Einklemmung.

Innervation

Die Innervation erfolgt überwiegend über den N. musculocutaneus (C5-C7) aus dem Fasciculus lateralis des Plexus brachialis. Bei etwa 70-80% der Menschen besteht zusätzlich eine laterale Doppelinnervation durch den N. radialis (C5-C6). Ein eigener Muskeleigenreflex ist für den Brachialis nicht etabliert – klinisch lässt sich seine Funktion aber gezielt prüfen, indem die Ellenbogenflexion bei proniertem Unterarm getestet wird, wodurch der Bizeps mechanisch benachteiligt und der Brachialis isoliert angesprochen wird.

Blutversorgung

Die arterielle Versorgung erfolgt über Äste der A. brachialis sowie die A. recurrens radialis. Klinisch bedeutsam ist die enge Nachbarschaft der A. brachialis zum Muskel in der Ellenbeuge: Hier liegt der Standardort für Pulstastung und Blutdruckmessung, und bei suprakondylären Humerusfrakturen ist das Gefäß gefährdet.

Palpation

ASTE: Sitz, Ellenbogen ca. 90° flektiert, Unterarm proniert. Da der Brachialis proximal vollständig unter dem Bizeps liegt, gelingt die Abgrenzung am besten distal und an den Muskelrändern. Der Therapeut sucht die Rinne lateral der Bizepssehne, etwa handbreit proximal der Ellenbeuge, und tastet mit den Fingerkuppen in die Tiefe zwischen Bizeps und M. triceps brachii. Zur Bestätigung lässt man den Patienten gegen Widerstand bei proniertem Unterarm beugen – der Bizeps ist in dieser Stellung mechanisch benachteiligt, sodass die Kontraktion des Brachialis unter den Fingern deutlicher hervortritt als die des Bizeps. Die gleiche Technik funktioniert medial, in der Rinne zwischen Bizeps und Trizeps auf Höhe des distalen Oberarmdrittels. Von einer zu tiefen Palpation in dieser Rinne ist wegen der Nähe von A. brachialis und N. medianus medial sowie N. radialis lateral abzusehen.

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8 Abschnitte

Der M. brachialis besitzt die größte physiologische Querschnittsfläche aller Ellenbogenflexoren und damit das höchste absolute Kraftpotenzial, trotz eines im Vergleich zum M. biceps brachii in Supination ungünstigeren Hebelarms. Weil er als eingelenkiger Muskel unabhängig von Schulter- und Unterarmstellung arbeitet, gilt er als das eigentliche Arbeitspferd der Ellenbogenflexion: Er ist bei praktisch jeder Beugebewegung aktiv, während der Bizeps vor allem bei supiniertem Unterarm und in Kombination mit Schulterarbeit stark rekrutiert wird. Kadaverstudien beschreiben gelegentlich einen oberflächlichen und einen tiefen Muskelanteil mit getrennter Insertion an Ulna und Radius, klinisch ohne Bedeutung.

Synergisten: M. biceps brachii, M. brachioradialis. Antagonisten: M. triceps brachii, M. anconeus.

In der geschlossenen Kette (Klimmzug, Klettern) stabilisiert der Brachialis den Ellenbogen bei fixierter Hand und arbeitet eng mit den Handgelenks- und Fingerflexoren zusammen. In der offenen Kette (Curl, Heben) ist er der primäre Kraftgeber bei proniertem oder neutralem Griff. ADL-Bezug: Tragen von Einkaufstaschen oder Werkzeugkoffern, Anheben von Lasten mit neutralem Griff, Klimmzüge im Ristgriff, Anwinkeln des Arms beim Essen.

Arthrokinematisch schützt der Brachialis die anteriore Ellenbogenkapsel: Tiefe Faseranteile strahlen direkt in die Kapsel ein und ziehen sie bei Flexion nach proximal, sodass ein Einklemmen zwischen Humerus und Ulna vermieden wird, vergleichbar der Funktion des M. articularis genus am Knie. Diese Kapselanbindung erklärt, warum Kapselverklebungen nach Immobilisation regelhaft mit einer Verkürzung des Brachialis einhergehen und ein Streckdefizit im Ellenbogen nach sich ziehen.

Da der M. brachialis nur das Ellenbogengelenk überspannt, sind aktive und passive Insuffizienz klinisch praktisch nicht relevant, anders als beim biartikulären Bizeps gibt es keine Gelenkposition, die seine Kraftentfaltung wesentlich einschränkt.

Muskellängentest: ASTE Rückenlage, Oberarm auf der Unterlage fixiert. Der Therapeut führt den Ellenbogen passiv in maximale Extension bei proniertem Unterarm, um den Bizeps aus dem Test zu nehmen. Normbefund ist die volle, endgradig federnd-elastische Streckung. Ein hartes, frühzeitiges Endgefühl spricht für eine Verkürzung bzw. Fibrosierung des Brachialis oder eine Kapselschrumpfung, typisch nach Immobilisation, Ellenbogentrauma oder Myositis ossificans. Typische Kompensation: Der Patient hebt die Schulter an oder rotiert den Oberarm nach außen, um die fehlende Streckung zu kaschieren.

Der M. brachialis ist über die Fascia brachii und die Septa intermuscularia Teil der Deep Front Arm Line nach Myers: Diese verläuft vom M. pectoralis minor über die tiefe Faszie von Bizeps und Brachialis zum Periost des Radius und weiter zur Thenarmuskulatur und zum Daumen. Klinisch relevant sind vor allem zwei Verbindungen: Erstens die Kontinuität über das Septum intermusculare laterale zur Extensorenloge des Unterarms, Spannungen hier können die Gleitfähigkeit des N. radialis in seiner Rinne beeinträchtigen. Zweitens die direkte Anbindung an die anteriore Ellenbogenkapsel, über die Faszienrestriktionen des Brachialis unmittelbar auf die Gelenkbeweglichkeit übertragen werden. Für die Behandlung folgt daraus: Bei Einschränkungen der Daumen- oder Handgelenksbeweglichkeit lohnt sich die Mitbehandlung des Brachialis, und umgekehrt sollte bei Ellenbogenstreckdefiziten die faszientechnische Mobilisation der Septen einbezogen werden.

Lokalisation: Die Triggerpunkte liegen im Muskelbauch unter dem Bizeps und werden am besten im Pinzettengriff an den seitlichen Rändern getastet, proximal-lateral nahe dem Deltoideusansatz und distal beidseits der Bizepssehne. Schmerzausstrahlung: vorderer Schulterbereich, ventraler Oberarm und Ellenbeuge. Sehr aktive Punkte projizieren zusätzlich in die Daumenbasis und können durch Reizung des N. radialis ein Kribbeln oder Taubheitsgefühl über dem Daumen auslösen.

Auslösende Aktivitäten: Tragen schwerer Lasten, intensives Klimmzug- oder Curltraining ohne Regeneration, repetitive resistierte Ellenbogenflexion, Sturz auf den ausgestreckten Arm, ungewohnte Kletterbelastung.

Assoziierte Triggerpunkte: M. biceps brachii, M. brachioradialis, M. supinator, vorderer Anteil des M. deltoideus.

Differenzialdiagnostisches Unterscheidungsmerkmal: Im Gegensatz zum Radialistunnelsyndrom oder einer C6-Radikulopathie ist der Schmerz durch gezielte Kompression des Triggerpunkts reproduzierbar, ohne dermatomale Sensibilitätsstörung oder elektrophysiologisches Korrelat.

Muskel als Opfer

  • Brachialis-Zerrung/-Ruptur: akuter oder überlastungsbedingter Schmerz anterior am distalen Oberarm, typisch bei Klettern, Klimmzügen oder proniertem Curltraining.
  • Myositis ossificans traumatica: heterotope Ossifikation im Muskel nach Ellenbogenkontusion oder suprakondylärer Humerusfraktur, besonders im Kindesalter, führt zu zunehmendem Streckdefizit. Röntgen zeigt die Ossifikation meist erst nach 3-4 Wochen, die MRT früher.
  • Iatrogene Nervenläsion: Splitting des Muskels bei anterolateralem OP-Zugang zum Humerus gefährdet trotz dualer Innervation den R. profundus n. radialis.
  • Kompartmentsyndrom der Flexorenloge: selten, nach Hämatom oder Trauma, orthopädischer Notfall.

Muskel als Täter

  • Ellenbogenflexionskontraktur: nach Immobilisation oder Spastik neigt der Brachialis durch seine Kapselanbindung besonders stark zu Verkürzung und Fibrose.
  • Radialiskompression: ein verspannter oder hypertropher Brachialis kann den R. profundus n. radialis im Verlauf komprimieren, Differenzialdiagnose zum Supinatorlogensyndrom.
  • Pseudoradikulärer Daumenschmerz: aktive Triggerpunkte täuschen eine C6-Reizung vor.

Tests

  • Isolierter Brachialis-Test: Ellenbogen 90° flektiert, Unterarm proniert, Widerstand gegen Flexion → Schmerz oder Schwäche spricht für eine isolierte Brachialis-Beteiligung.
  • Ellenbogen-Streck-Test: passive endgradige Extension prüfen → federndes, vorzeitiges Endgefühl positiv für Kapsel- oder Muskelverkürzung.
  • Pronations-Kraftvergleich: deutliche Beugekraft trotz proniertem Unterarm, bei mechanisch ausgeschaltetem Bizeps, bestätigt einen intakten Brachialis.

Differenzialdiagnosen

  • Bizepssehnenpathologie: Schmerz eher proximal-anterior, deutlich verstärkt bei Flexion gegen Widerstand in Supination.
  • Radialtunnelsyndrom: Druckschmerz distal über der Supinatorarkade, kein Kraftverlust, Schmerzmaximum meist 4-5 cm distal des Epicondylus lateralis.
  • C6-Radikulopathie: dermatomaler Sensibilitätsausfall am Daumen, abgeschwächter Bizepssehnenreflex, positive Nackenprovokation.

Getestete Bewegung: isolierte Ellenbogenflexion des Brachialis, Unterarm proniert, um den Bizeps mechanisch auszuschalten.

ASTE: Sitz, Arm am Körper anliegend, Ellenbogen gestreckt, Unterarm vollständig proniert. Der Therapeut fixiert den Oberarm nahe der Schulter und gibt den Widerstand am distalen Unterarm knapp proximal des Handgelenks in Extensionsrichtung.

Stufen 0-5: 0 keine tastbare Kontraktion. 1 sicht- oder tastbare Anspannung ohne Bewegung. 2 volle Bewegung nur mit Schwerkraftausschluss. 3 volle Bewegung gegen die Schwerkraft, ohne Zusatzwiderstand. 4 volle Bewegung gegen mäßigen manuellen Widerstand. 5 volle Bewegung gegen maximalen Widerstand.

Typische Ausweichbewegungen: Schulterabduktion oder -elevation, um Schwung zu holen, Supination des Unterarms, um den Bizeps zuzuschalten, Mitbewegung der Handgelenks- und Fingerflexoren, Vorneigen des Rumpfes.

Therapie-Logik: Der Brachialis wird funktionell eher als phasischer, kraftorientierter Muskel eingeordnet und neigt primär zur Abschwächung, anders als der tendenziell tonische Bizeps. Nach Trauma oder Immobilisation überwiegt jedoch durch seine Kapselanbindung die Neigung zu Fibrose und Verkürzung, dann steht Dehnung vor Kräftigung. Mitzubehandelnde Strukturen: M. biceps brachii, anteriore Ellenbogenkapsel, Gleitfähigkeit des N. radialis in seiner Rinne.

Pronierte Extensions-Dehnung: Sitz, Arm gestreckt vor dem Körper, Unterarm proniert, Handgelenk leicht extendiert, um den Bizeps aus der Dehnung zu nehmen. 3 x 30 Sekunden.
Wandgestützte Überdruckdehnung: Handfläche proniert gegen eine Wand hinter dem Körper, Ellenbogen langsam in Extension bringen, bis ein Dehngefühl anterior am Oberarm entsteht.
PIR: leichte isometrische Flexion gegen manuellen Widerstand für 5-8 Sekunden, anschließend Entspannung und passive Nachdehnung in Extension.

Hammer-Curl: Kurzhantel im neutralen oder proniertem Griff, isoliert den Brachialis stärker als der klassische Bizeps-Curl in Supination. 3 x 10-15 Wiederholungen.
Klimmzug im Ristgriff: geschlossene Kette, hohe Aktivierung des Brachialis in Kombination mit dem M. brachioradialis.
Exzentrisches Reverse-Curl: kontrollierte 3-4-sekündige Absenkphase im proniertem Griff, geeignet für den Belastungsaufbau nach Tendinopathie oder Zerrung.

Eigenübung: Tägliches Hammer-Curl mit leichtem Gewicht, im Anschluss die pronierte Extensions-Dehnung, je eine Serie, gut in den Alltag integrierbar.

Klinische Perle: Bei unklarem radialseitigem Unterarm- oder Daumenschmerz mit unauffälliger Elektrophysiologie lohnt sich die gezielte Palpation des Brachialis in der lateralen Bizepsrinne. Aktive Triggerpunkte hier werden in der Praxis häufig als Radialtunnelsyndrom oder beginnende C6-Reizung fehlgedeutet.

Fallvignette: Ein 34-jähriger Kletterer berichtet über einen tiefen, dumpfen Schmerz in der Ellenbeuge, der sich bei proniertem Curltraining verstärkt. Die Bizepssehnentests sind unauffällig, gelegentlich beschreibt er ein Kribbeln im Daumenballen nach intensiven Trainingstagen. Welche Struktur würden Sie als Erstes gezielt palpieren, um eine Bizepssehnenproblematik von einer Brachialis-Beteiligung zu unterscheiden?

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